Sollte man eine Katze einschläfern oder sterben lassen?

Was Sie als Katzenhalter beachten sollten und was Ihnen bei der Entscheidung hilft

Wenn Katzen alt oder krank sind und starke Beschwerden haben, stellt sich für Katzenhalter oft die Frage, ob sie das Tier von seinen Leiden erlösen oder es ganz natürlich sterben lassen sollten. Die Entscheidung, sein geliebtes Haustier einschläfern zu lassen, fällt niemals leicht. Im Interview erklärt der Tierarzt Dr. Andreas Seide, was Sie bedenken sollten und warum er sich wünscht, dass Tierhalter Ihr Haustier schon vorher in der Sprechstunde vorstellen würden.

Unser Interviewpartner

Tierarzt Dr. Andreas Seide arbeitet seit 1998 in Bremen mit seinem Team für das Wohl seiner Patienten.

 

Herr Dr. Seide, wie oft werden Katzen eingeschläfert – und wie viele Katzen sterben ganz natürlich?

Dass Katzen ganz spontan und plötzlich versterben, ist eher die Ausnahme – sieht man einmal von Unfällen ab. Tiere mit einer guten Lebensqualität versterben nicht plötzlich. Meistens kündigt sich das Sterben an und zieht sich über einen längeren Zeitraum hin. In der Regel dauert dieser Sterbeprozess mehrere Wochen bis Monate.

Wenn Katzen schwer krank sind, ist dies ähnlich wie bei uns Menschen. Sie fressen meist weniger – zum Schluss oft gar nicht – und trinken nicht mehr. Die Situation ist für das Tier, aber auch für den Besitzer sehr belastend. Aus diesem Grund kommen Tierbesitzer, wenn das Tier geschwächt ist, oft mit der Bitte zu uns, das Tier zu erlösen.

In welchen Fällen sollte man seine Katze einschläfern lassen?

Natürlich ist es immer eine Einzelfallentscheidung, wann man ein Tier einschläfern sollte. Zur Verantwortung eines Tierhalters gehört es aber, für eine gute Lebensqualität seines Haustiers zu sorgen: Im Tierschutzrecht ist festgelegt, dass der Halter eines Tieres für dessen Wohlergehen verantwortlich ist. Dazu gehört auch, bei Krankheiten und Schmerzen angemessen zu reagieren. Bei Erkrankungen sollten Sie daher genau prüfen, wie krank das Tier ist. Die folgenden Fragen können dabei helfen zu entscheiden, wie krank Ihre Katze ist und ob sie eingeschläfert werden sollte:

  • Kann eine Therapie der Katze noch helfen?
  • Überwiegen die Leiden bei der Katze auch trotz einer Therapie?
  • Ist eine gute Lebensqualität nicht mehr gegeben?
  • Leidet die Katze unter starken Schmerzen?

Besprechen Sie mit Ihrem Tierarzt, wie krank Ihre Katze ist, welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt und wie die Aussichten einer Therapie sind. Dann fällt die Entscheidung meist leichter, ob Sie Ihre Katze einschläfern lassen sollten. 

Überwiegen die Leiden beim Tier und gibt es keine sinnvolle therapeutische Option mehr, um Schmerzen und Beschwerden zu lindern? Dann ist dies der Zeitpunkt, an dem sich die Frage nach dem Einschläfern stellt – so schwer es fällt.



Tierarzt Dr. Andreas Seide

Für Tiere haben wir nicht dieselben Palliativ-Maßnahmen wie für Menschen entwickelt

Das Lebensende bei Menschen und unseren Haustieren unterscheidet sich weniger stark, als man annehmen würde. Doch bei Menschen haben wir für das Ende ihres Lebens andere Möglichkeiten entwickelt als für Tiere. In Krankenhäusern gibt es sogenannte Palliativstationen, auf denen unheilbar kranke Menschen behandelt werden. Die Stationen sind wohnlicher und ruhiger als andere Stationen, trotzdem ist eine intensive medizinische Betreuung zu jeder Zeit möglich. Daneben gibt es Hospize, in denen todkranke Menschen gepflegt und betreut werden. Meist geht es vor allem um eine Schmerztherapie, die den Patienten ein ruhiges Sterben ermöglicht. All das gibt es für Tiere nicht, sie erleben die Zeit, bevor sie sterben, in der Regel zu Hause.

Sind Tierhalter darauf vorbereitet, dass ihre Katze eingeschläfert werden muss?

Manchmal kommt der Vorschlag des Tierarztes, die Katze einschläfern zu lassen, für Besitzer auch völlig unerwartet. Tierhalter sind dann nicht darauf vorbereitet, dass ihre Katze eingeschläfert werden muss. Sie lieben ihr Tier und verschließen oft die Augen davor, dass es leidet und unheilbar krank ist. Oft schätzen sie die Krankheit ihrer Katze aber auch einfach falsch ein. Eine Krankheit, die sich etwa in Flankenatmung und Fressunlust äußert, sieht für sie möglicherweise weniger schlimm aus, als es für die Katze wirklich ist.

Tierhalter achten vor allem darauf, ob ihr Tier Schmerzen hat. Doch nicht alle Erkrankungen gehen mit Schmerzen einher – und trotzdem kann das Wohlbefinden des Haustiers sehr beeinträchtigt sein.

 

Der Tierarzt weiß jedoch, wie sich die Krankheit erfahrungsgemäß weiterentwickelt. Dann stellt sich auch unabhängig von den Schmerzen die Frage, ob es für das Tier überhaupt noch Lebensqualität ist. Wenn ich in meinem Praxisalltag der Meinung bin, dass das Tier so krank ist, dass ihm mit Maßnahmen nicht mehr sinnvoll zu helfen ist, dann spreche ich die Besitzer darauf an. Rechnen Tierhalter nicht mit dem Ratschlag, die Katze einschläfern zu lassen, ist dies immer eine schwierige Situation, bei der wir viel Feingefühl brauchen.

Was ist wichtig, wenn die Katze eingeschläfert werden muss?

Wichtig ist, dass Tierhalter die Entscheidung, ihr Tier einzuschläfern, grundsätzlich richtig finden – bei aller Trauer. Wir vereinbaren dann in der Regel einen Termin, der am Ende der Sprechstunde liegt. Dann ist es in der Praxis ruhiger und im Wartebereich sind keine weiteren Patienten.

Das Einschläfern dauert nicht lange. Zunächst erhält die Katze eine Narkose, wie sie auch für Operationen verabreicht wird. Diese Narkose schaltet das Bewusstsein und das Schmerzempfinden aus. Sie wirkt schon nach sehr kurzer Zeit. Danach geben wir ein zweites Medikament, das sie sanft einschlafen lässt. Auf diese Weise stellen wir sicher, dass die Katze wirklich schmerzfrei einschläft.

Die überwiegende Zahl der Tierhalter lässt ihr Tier im Anschluss bei uns. Es gibt aber verschiedene Möglichkeiten der Bestattung und Tierhalter können selber entscheiden, was für sie die beste Wahl ist.

Können Katzenhalter ihre Katze im Alter unterstützen?

Ich würde mir wünschen, dass Tierhalter ihre Katze ab einem gewissen Alter, etwa ab dem siebten, achten Lebensjahr, regelmäßig bei ihrem Tierarzt vorstellen und neben den Impfungen gegen Katzenkrankheiten auch grundlegende Vorsorgeuntersuchungen machen lassen. Durch einen einfachen Urintest oder ein Blutbild lassen sich schon viele Krankheiten frühzeitig erkennen und behandeln. Katzenhalter merken oft nicht so schnell wie Hundehalter, dass die Katze sich nicht wohlfühlt, denn die wenigsten gehen mit ihrer Katze spazieren. Doch eine rechtzeitig einsetzende Therapie oder eine einfache Ernährungsumstellung steigert außerdem die Lebensqualität des Tieres erheblich. So kann es manchmal noch einige gute Jahre länger leben.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Seide!

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